Zauberworte der Kreativität


„Im Anfang war das Wort“ steht zu Beginn vieler Übersetzungen des Johannes-Evangeliums (1,1), „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ dichtete Hermann Hesse. Beide Zeilen werden häufig ohne ihren Zusammenhang zitiert und allein verwendet.


Aus der Kombination beider Zeilen abzuleiten, dass der Anfang der Kreativität ein Zauberwort ist, mag verlockend sein, ist aber gewagt. Auf dieses Wagnis läßt sich der Leser dieses Essays ein: Schon die zufällige oder willkürliche Kombination zweier scheinbar nicht zusammengehöriger Begriffe ist die Anwendung einer Kreativitätstechnik. Die Ähnlichkeit zur Widerspruchstheorie und des daraus abgeleiteten dialektischen Dreischrittes aus These-Antithese-Synthese, die auch als eine Kreativitätstechnik aufgefaßt werden kann, ist nur numerisch. Eine gezielte Suche nach einem „Gegenteil“ zu dem ersten Begriff erfolgt bei der Kombinations-Technik nicht, die gegenüber der Widerspruchstheorie rein formal und mechanisch angewandt wird.


Doch zurück zum griechischen Text des Johannes-Evangeliums: En archè èn ho logos - Im Anfang war der Logos.


Logos bedeutet nicht nur Wort, aber überlassen wir es Faust, das aufzuklären:

Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!

Hier stock ich schon!  Wer hilft mir weiter fort? 

Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,

Ich muss es anders übersetzen,

Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.

Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.

Bedenke wohl die erste Zeile,

Daß deine Feder sich nicht übereile!

Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?

Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!

Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,

Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.

Mir hilft der Geist! auf einmal seh ich Rat

Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Goethe Faust, I, 1232-1235


Die sukzessive Umwandlung von Wort in Sinn, Kraft und Tat ist nichts anderes als die Beschreibung des kreativen Prozesses mit seinen drei Phasen. In der Ideenfindungsphase wird der neue Gedanke, der Sinn gesucht. In der Evaluationsphase muß Kraft angewandt werden, um die realisierbaren Ideen herauszufiltern, vor allem aber, um sie gegen die Bedenkenträger durchzusetzen. Und die Umsetzungsphase macht aus der neuen Idee erst eine Innovation, nur durch die Tat wird die Idee Realität.


Was aber ist ein Zauberwort? Eine Formel, die, kaum dass sie ausgesprochen wurde, Dinge in Bewegung setzt? So wie Simsalabim oder Hokus pokus? Nein, das sind literarisierte Zaubersprüche, die ähnlich wie das „Sesam, öffne dich“ aus der Verballhornung der für die Allgemeinheit unverständlicher arabischer oder lateinischer Begriffe entstanden sind und Eingang in die Alltagssprache gefunden haben.


Wobei ein Zauberwort schon etwas vom „Sesam, öffne dich“ hat: es erschließt dem Betrachter und Nutzer Inhalte, die ohne das Wort meist unbeachtet geblieben wären. Ein Zauberwort ist also ein Schlüssel zum Einstieg in das Verständnis komplexer Inhalte. Wobei dieser Schlüssel vorrangig die Neugier auf das, was hinter der verschlossenen Tür liegen mag, auslösen soll. Deshalb ist das Zauberwort mystisch. Also geheimnisvoll. Altmodisch. In Vergessenheit geraten. Und es haftet ihm der Ruch von Wissen und Gelehrsamkeit an, der lange vor dem Computerzeitalter mit Internet verbreitet war, als die Menschen noch selber dachten.


Ein Zauberwort wird von Hexen und Zauberern als Beschwörungsformel benutzt. Das bekannteste Zauberwort ist Abrakadabra, und selbst das hat einen direkten Bezug zu Kreativität. Es könnte wohl vom aramäischen avrah k'davra abgeleitet werden, was so viel wie "ich werde erschaffen, während ich spreche" bedeutet. Nichts anderes drückte Heinrich von Kleist mit seinem Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ aus. Kreativität ist keine Hexerei, aber dennoch ein Vorgang, dem etwas mystisch-übernatürliches anhaftet. Aus dem Nichts entsteht zum Erstaunen aller spontan etwas, das vorher nicht da war und großen Wert besitzen kann.


Kreativität erscheint den Außenstehenden als magische Gabe, früher und auch heute noch gelegentlich als göttliche Eingebung, als der Beleg für einen Kontakt mit einer anderen Welt. Ob nun diese Verbindung als Hexerei, Schamanismus oder Gottesverbundenheit gedeutet werden soll, ist unerheblich – die jeweilige Verbindung zur Transzendenz ist wohl das Entscheidende.


Neben dem Abrakadabra gibt es weitere Zauberworte der Kreativität. Das sind nicht geheime, aber in Vergessenheit geratene Wörter. Sie sind auch nicht unbekannt, aber in ihrer Beziehung zum Verständnis und zur Förderung von Kreativität in der modernen Kreativitäts-Literatur meist unbeachtet geblieben.


Diese Zauberworte der Kreativität sind aber keine Formeln, deren brabbeln beim Rühren der Buchstabensuppe kreatives Gedankengut erzeugt. Sie sind der Einstieg in die Erkundung der Fähigkeiten unseres Geistes. Sie müssen verstanden, ausprobiert und angewandt werden. Und sie sollten nicht einzeln, sondern gemeinsam, nacheinander oder zugleich, verwendet werden, um den vollen Nutzen zu entfalten. Aber keine Angst - Kreativität ist kinderleicht. Einige dieser Zauberworte beschreiben naive, kindliche Zustände, in die sich ein Erwachsener mit ihrer Hilfe zurückversetzen kann, um Denkblockaden abzubauen. Andere Zauberworte erschließen die Nutzung eines ohnehin vorhandenen Erfahrungsschatzes, der ansonsten brach läge. Und Kreativität ist keine Sache der Intelligenz, der IQ hat damit nicht wirklich etwas zu tun, vielleicht behindert ein hoher IQ sogar die Entfaltung der Kreativität, wie einige Kreativitätsforscher meinen. Andere sehen dagegen eine Zunahme der Kreativität in Verbindung mit Hochbegabung und sprechen dann von Hochkreativität. Auch wenn es einen Kreativitätsquotienten gibt, so ist das mit Sicherheit kein alleiniges Maß zur Bestimmung der Kreativität.


Es gibt Bücher und Wörterbücher der Kreativität, die lexikalisch alle Begriffe aus diesem Bereich enthalten und erklären. Die hier vorgestellten sieben Zauberworte der Kreativität sind eine Essenz – und stammen eben nicht aus diesen Büchern. Sie beschränken sich auf die europäische Gedanken- und Sprachwelt. Denn unser Denken ist durch unsere Sprache und Kultur geprägt. Was fremde Gedankenwelten aber nicht ausschließen soll, um den eigenen Bereich zu erweitern.


Die Auswahl ist vorrangig aus didaktischen Gründen erfolgt. Die Worte wurden so gewählt, dass sie jeweils einen guten, das heißt verständlichen, Interesse weckenden Einstieg in die Materie erlauben, in deren Folge auch die „modernen“ Aspekte der Kreativität-Forschung einfließen. Die Worte wurden auch so gewählt, dass sie eine Reduktion auf das Wesentliche und Ursprüngliche darstellen.


Und schließlich handelt es sich um Zauberworte. Worte, denen etwas anhaftet. Keine Konnotation, sondern der Reiz des Fremden, Unbekannten, Mystischen. Worte, die Neugierde wecken. Worte, deren Klang den Leser und Zuhörer erwartungsvoll werden lassen.


Doch warum heißt es Zauberworte statt Zauberwörter? Die deutsche Sprache hält dem verständigen Nutzer zwei Pluralformen für Wort bereit: Worte und Wörter. Die beiden Begriffe bezeichnen verschiedene Inhalte: für die Zauberworte der Kreativität bedeutet dies nicht nur eine stilistische Erhöhung und damit Betonung ihres ohnehin schon sehr hohen inneren Wertes, sondern schließt auch solche Begriffe ein, die aus mehr als einem einzelnen Wort, einem Spruch, Sprichwort oder ganzen Satz bestehen.


Die hier vorgestellten Zauberworte der Kreativität befassen sich ausschließlich mit der Ideenfindungsphase. Neue Ideen zu finden ist schwieriger, als diese zu bewerten und umzusetzen. Aber die Schwierigkeit liegt nicht darin, die jeweilige Aufgabe zu lösen. Denn eine neue Idee zu finden, ist oft – scheinbar - mühelos. Sie zu evaluieren, schon aufwendig, sie umzusetzen, harte Arbeit. Die Schwierigkeit besteht darin, dass es zu wenige Menschen gibt, die Ideen kreieren.


Es gibt viele Möglichkeiten, die Zauberworte der Kreativität zu erklären. Am einfachsten ist ein Wörterbuch der Kreativität, in dem jeder im Zusammenhang mit Kreativität stehende Begriff erläutert wird. Solche Bücher gibt es, und auch das Internet bietet hierzu allerlei an, und so ist es ein Leichtes, auf mehrere Tausend Kreativitätsvokabeln zu kommen.

Doch was können diese alphabetisch geordneten Wörter zur Förderung der eigenen Kreativität beitragen? Erst die enzyklopädische Aufbereitung mit Verweisen und ausführlichen Hauptartikeln erschließt den Gesamtinhalt des Kreativ-Wissens systematisch: egal, womit der Nutzer anfängt, das System erschließt ihm den gesamten Wissensschatz.

Eine solcherart systematische Aufbereitung des Wissens nimmt noch viel mehr Raum ein als eine reine Wörterliste, was im Zeitalter von unbegrenztem Speicherplatz und e-books technisch handhabbar ist.


Geschichtenerzähler

Doch, wer kann das alles lesen? Und was behält man davon, was lernt man daraus? Die antiken Klassiker verbreiteten ihre Lehrsätze und Inhalte in Form von Geschichten oder besser: Erzählungen. Denn die narrative Kultur ermöglichte auch Analphabeten Teilhabe an Bildung. Eine gute Geschichte blieb in Erinnerung, die damit vermittelte Moral oder Botschaft auch. Im Bereich der Kreativitäts-Literatur gibt es Beispiele dafür. Als Klassiker gilt die Walt-Disney-Methode, die anekdotisch die Arbeitsweise des Comic-Konzern-Chefs als Kreativmethodepräsentiert.


Was eine Anekdote auszeichnet, ist die inhaltliche Konzentration auf das Wesentliche, das schmückende Beiwerk ist als Stilmittel des Erzählers notwendig. Die Nennung berühmter oder erfolgreicher Personen erhöht die Glaubwürdigkeit, eine Pointe macht die Geschichte „rund“. Nun ist nicht jede Anekdote „wahr“, manche hat auch eher den Status einer Wandersage. Auch wird die Auswahl geeigneter Themen durch die dann doch geringe Zahl bekannter Personen stark eingeengt.

Essay

Eine seriösere Beschäftigung mit einer gezielten Auswahl von Begriffen erlaubt der Versuch. Diese Stilform, mittlerweile auch im Deutschen fast nur noch als Essay bezeichnet, nimmt den unterhaltsamen Anteil der Anekdote mit, ist aber geistreicher, also witziger, was keineswegs mit humoristischer gleichgesetzt werden sollte, und erreicht dabei manchmal höchstes wissenschaftliches Niveau. Viele bedeutende wissenschaftliche Abhandlungen sind als Essay erschienen, wobei Essay heute meist gehobener Feuilletonjournalismus bedeutet. Dessen ungeachtet wird hier der Versuch unternommen, die wesentlichen Aspekte der Kreativität anhand weniger ausgewählter Worte zu beschreiben, zu erläutern und zu verknüpfen, um sie zugunsten einer Beförderung derselben anwenden zu können.

Die Verdichtung auf wenige Worte wird dadurch möglich, dass diese eine uralte Verwurzelung in unserer Kultur haben und Grundpfeiler des gesammelten Erfahrungsschatzes beschreiben. Diese Worte sind die Quintessenz des Wissens um Kreativität, sie sind die geheime Kreativitätsformel:


Abrakadabra und Heureka, Muße und Muse, Serendipity, Phantasie und Intuition.

Diese Zauberworte werden in einzelnen Essays behandelt und erscheinen hier in loser Folge. Entdeckt und erzählt von Ivar Aune für Myndun e.V.i.G.

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