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Wünschelruten im Kopf

Aktualisiert: Feb 8




Warum berührt die Schönheit der Sprache Eichendorffs noch immer unsere Seelen?

In einer Welt, die weit entfernt ist von der Welt des großen Dichters, hat diese wunderbare Sprache nichts von ihrer Intensität verloren, denn es ist vielleicht zu allen Zeiten immer wieder die innere Welt, die durch die Sprache berührt wird, die sich verändert, die erhoben wird, zu singen beginnt.


Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,

Die da träumen fort und fort,

Und die Welt hebt an zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.

Joseph von Eichendorff

Noch immer ist es das Zauberwort, das manchmal einen wunderbaren Prozess auslöst, einen Prozess der Erweiterung der bisherigen Erkenntnis.


In den vergangenen Jahrhunderten wurden Künstler, die in ihren Werken die Natur nicht nur abbildeten, sondern sie in ihrer Darstellung vollendeten und perfektionierten, als „geniale Künstler“ bezeichnet. Wenn auch heute die Forschung, die das Geheimnis des Genies mehr im Bereich der Messbarkeit, des Intelligenzquotienten und des Potenzials, zu ergründen sucht, andere Prioritäten setzt, so hat doch die alte lateinische Übersetzung durchaus noch immer ihre Bedeutung: Ein Mensch mit überragender schöpferischer Begabung.


Ah und oh und Interjektionen

Neues schöpfen, das bedeutet in der Kunst vielleicht auch, dass ausgehend von den bisherigen Assoziationen ein neues sinnliches Erleben, eine neue, höhere Identität entsteht. Diese Identität beruht auf einer emotionalen Intensität, die uns die neuen Zweige des Denkens fühlen lässt, die neue Verbindungen im Gehirn schafft, die uns wachsen lässt. Mit jedem Ausruf der Begeisterung für das Neue machen wir das Unsichtbare sichtbar. Wir geben den Zweigen der neuronalen Verbindungen einen Namen.


Latente Hemmung

In der Forschung geht man davon aus, dass die Wahrnehmungsbeschränkung hilft, die wichtigen von den störenden Reizen zu trennen. Die so genannte „latente Hemmung“ filtert die Wahrnehmung. Schon in den siebziger Jahren vermutete Hans Eysenck, dass ein kreatives Gehirn auf alle Sinnesreize besonders offen reagiert. Im Jahr 2003 ermittelten die an der Harvard Universität durchgeführten Versuche der amerikanischen Neurowissenschaftlerin und Psychologin Shelly Carson einen Zusammenhang zwischen schwacher latenter Hemmung und Kreativität. Heute wird zunehmend das weitgehend nicht abzuschaltende Default Mode Network DMN in Verbindung mit kreativen Prozessen diskutiert.


Aber eigentlich haben es doch alle schon immer geahnt, ein bisschen „anders“, ein bisschen „crazy“, waren sie ja schon immer, die „Unruhigen Geister“, die „Jäger des Geistes“, die nichts so lassen können, wie es schon immer war.


Die latente Hemmung, die sich wahrscheinlich schon früh in der Geschichte der Evolution entwickelt hat, funktioniert, je nach genetischer Veranlagung, mehr oder weniger gut. Die hemmenden Systeme der Botenstoffe des Gehirns beschränken die Wahrnehmung und schützen vor einer Reizüberflutung. Nur durch ein kompliziertes Zusammenspiel der Neurotransmitter im Gehirn funktioniert die Konzentration auf das in der jeweiligen Situation Angemessene, das den geforderten Arbeitsprozess voranbringt. Bei besonders sensibel veranlagten Menschen funktioniert der Selektionsprozess des Frontalhirns oft nur sehr unzureichend. In den tieferliegenden Regionen des Gehirns müssen daher viel mehr Reize verarbeitet werden.


Die Träumer sind die Hochkreativen

Die da träumen fort und fort, nicht nur die Dinge sind gemeint, sondern die Träumer selbst. Die Flut der wahrgenommenen Reize führt zwar einerseits zu einem hochsensiblen Empfinden, oft aber auch zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Konzentration und der Fähigkeit der Verarbeitung der Flut der Informationen. Menschen mit der genetisch bedingten schwachen latenten Hemmung haben manchmal große Probleme, einem Gedanken über längere Zeit zu folgen, denn zu viele aktuell irrelevanteInformationen werden verarbeitet. Es sind genau diese irrelevanten Informationen - die von einem gut funktionierenden Reizfilter ausgeblendet werden - die Neues hervorbringen. Die neuen Ideen leuchten auf im Chaos der einst irrelevanten Informationen, die Bilder, die Worte, manchmal auch die unausgesprochenen Worte, die nebenbei gespeichert wurden, die implizit gelernten Informationen, die sich den Weg ins Bewusstsein gesucht haben, sie sind angekommen gerade in diesem Moment. Sie leuchten.


Damit besteht gleichzeitig, quasi als Nebeneffekt der schlechten Reizfilterfähigkeit unter bestimmten positiven Voraussetzungen, die Fähigkeit zu ungewöhnlichen Assoziationen. Die Selektionsproblematik und die (in diesem und in den folgenden Texten) noch näher zu bestimmenden positiven Voraussetzungen, beinhalten vielleicht sogar das Geheimnis des kreativen Geistes.


Sich verlieren in der Zeit

Betroffen von der Selektionsproblematik ist unter anderem oft auch das Zeitgefühl. Nur der ständige Abgleich mit den in der Vergangenheit gespeicherten Informationen, lässt uns der jeweiligen Situation angemessen, gegenwarts- und zukunftsorientiert handeln. Die aktuelle Informationsverarbeitung wird immer wieder zusätzlich erschwert. Andererseits ist vielleicht aber die Fähigkeit, sich in der Gegenwart zu verlieren, ganz und gar im Hier und Jetzt zu sein, zeitlos, formlos, unabhängig von festen, gespeicherten Strukturen des Denkens eine weitere Voraussetzung für schöpferisches Denken.


Emotionale Stabilität vs. Irritabilität

Ist vielleicht auch die, in einigen Bereichen der sinnlichen Reizverarbeitung unzureichend ausgebildete emotionale Steuerungsfähigkeit in den schöpferischen Prozess involviert? Ist vielleicht genau diese Unfähigkeit die emotionale Wahrnehmung zu beschränken, zu kontrollieren, rational zu bewerten und schließlich abzuschwächen, eine Voraussetzung der schöpferischen Inspiration? Dann wäre diese Unfähigkeit die Fähigkeit der Hochkreativen.

In Eichendorffs Sprache spüren wir oft diese unbeschränkte, intensive Emotionalität und manchmal sogar den Sturm der Begeisterung, der dem schöpferischen Prozess innewohnt und der nicht nur sein Werk, sondern schließlich den Dichter selbst über die Zeit und den Raum hinausträgt. Das komplizierte Phänomen des Problems der mangelnden Verfügbarkeit und der auch manchmal im Übermaß vorhandenen verschiedenen Botenstoffe im Gehirn und die daraus resultierenden positiven Auswirkungen sind nun zunehmend im Fokus der Forschung, insbesondere im Bereich der ressourcenorientierten ADHS-Forschung.


Normkonform und nonkonform

Sind vielleicht die weit entfernten neuronalen Zweige die Wünschelruten im Kopf, die das Neue, das Originelle, das Außergewöhnliche in die Welt bringen? Die wenn überhaupt, dann nur wenig myelinisierten Verzweigungen, die abweichend von den Hauptästen, dennoch aktiviert werden können, triffst man nur das Zauberwort. Das Kreative kommt nur selten auf den vielgenutzten und immer wieder als konform bestätigten myelinisierten Hauptbahnen des Weges. Das Hochkreative kommt immer auf dem Wege des Nonkonformen daher.


Schon seit der Antike wird von diesem gegabelten Zweig berichtet, der vom Rutengänger in beiden Händen gehalten werden muss, jedoch in einer labilen Haltung zwischen Spannung und Gleichgewicht, eine Haltung also, die offen ist für neue Reize. Der Ausschlag der Wünschelrute soll bestimmte, noch zu entdeckende, unterirdische Reizzonen, wie Wasseradern, Erze, Bodenschätze anzeigen. Nur entsprechend Begabte, in diesem besonderen Sinne Hochbegabte, haben die Fähigkeit, die jeweiligen lokalen Änderungen des Potenzials wahrzunehmen.


Sprache ist Sprache des Denkens

Die Wünschelrute, der gegabelte Zweig, der die verborgenen, unterirdischen Reizzonen anzeigt, die unter dem Bild liegen, das wir von der Welt haben, ist ein wunderbares Zeichen für die Genialität der Sprache. Der große schlesische Dichter Joseph von Eichendorff beschrieb das ausgelöste Gefühl, als das Singen in der Welt und die Begeisterung für das Neue, als das Zauberwort. Gibt die Sprache selbst den Dingen eine Seele? Liegt vielleicht die Faszination der Schönheit der Sprache in der Nähe, die wir spüren, die so dicht an unserem bestehenden Bild der Welt liegt, so dicht an unserem Empfinden, das in unserem Denken ruht, abgespeichert als Bild der Dinge, der träumenden Dinge, die angestoßen von der schöpferischen Kraft der genialen Sprache erwachen? Es sind die neuen Assoziationen, die Worte, die Zauberworte, die über das Erzählen hinauswachsen und zu singen beginnen, die Worte, die den gespeicherten Informationen eine neue Dimension verleihen.

Netze, Seelen und Entitäten


Die vorhandenen neuronalen Netzwerke, die unsere innere Welt geordnet haben, bilden neue Verbindungen, verändern unsere bestehende Wahrnehmung. Die Kunst verbindet die tief in unserer Wahrnehmung gespeicherten Empfindungen und Informationen und führt uns eine Idee über die latente Hemmung, eine Idee über die Grenzen unserer Wahrnehmung hinaus. Und es ist, als wären es die Wünschelruten der neuronalen Netzwerke, die alle Dinge zum Erwachen und zum Wachsen bringen und vielleicht die Seele berühren. Wir hören ein Gedicht von Joseph von Eichendorff, der die geniale Fähigkeit hatte, durch die einfache, natürliche Schönheit seiner Sprache die Dinge der Welt zum Singen zu bringen. Es sind die Dinge seiner eigenen inneren Welt, die uns über das Medium der Sprache, über das Medium der Literatur erreichen, die nicht aufhören anzukommen; es sind die Wünschelruten, die uns berühren, die das Träumende in uns wecken, die unsere innere Welt für immer verändern. Genau wie vor bald zweihundert Jahren machen wir auch heute noch die Erfahrung einer wunderbaren neuen Einheit in unserer inneren Welt und es ist, als wäre es die neue Einheit in unserer eigenen Seele.


Für Myndun e.V.

B.Sc. Psych Beate Elisabeth Ditsche-Klein

Geschrieben im August 2007, im Februar 2020 wurden die Gedanken über ADHS-Träumer weitergeschrieben, aber das Wesentliche ist für immer geblieben.

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