"Vom Schmerz der Hochbegabung" - Eine sensible Rezension über ein berührendes Buch

Du darfst nicht mitspielen! Du bist so komisch! Du bist keiner von uns! Wir wollen einfach nur spielen und bauen, und du weißt wieder alles besser und erklärst uns die ganze Welt. Du bist nicht wie wir. Du bist nicht normal. Denn wir sind die Guten, und du gehörst nicht dazu.



Ausgeschlossen-sein schmerzt. Wir alle wissen das. Einige Menschen jedoch erleben diese schmerzhafte Erfahrung als prägend intensiv. Dieses Gefühl der Bedrohung begleitet sie über die Zeit. Das „Stigma in the air“ kann jederzeit wieder aktiviert werden, gehört man zur Minorität der Hochsensitiven und Hochbegabten. Emotional, psychomotorisch, sinnlich, intellektuell sowie in ihrer imaginären Vorstellungkraft besonders begabte Menschen leiden an ihrem „Anders-sein“ - schon solange sie denken und sich erinnern können.


Helga Thieroff, die Psychologie, Pädagogik und Sprachwissenschaften studiert hatte, gründete 1990 den Kinderclub in Berlin, einen Ort zur Förderung begabter Kinder. Für Kinder, die so waren wie ihr am 12. Januar 1987 geborener Sohn Kai, gab es nämlich zuvor keine angemessene Förderung. Seit dem Jahr 2000 leitet sie das von ihr aufgebaute Kinder-College in Neuwied bei Koblenz. Für ihr Engagement zur außerschulischen Förderung von begabten Kindern und Jugendlichen erhielt sie 2011 das Bundesverdienstkreuz. In ihrem 2016 erschienen biografischen Sachbuch beschreibt sie das Leben ihres hochbegabten Sohnes von der Geburt bis zu seinem Freitod im Alter von 21 Jahren. Dieses Buch bewegt die Leser. Die zweite Auflage ist soeben erschienen.


Im Alter von nur 3 Jahren zeichnete Kai einen Schülerlotsen - jemand, der ihn mit all seinen Besonderheiten versteht, jemand, der ihn durch die Schule und durch die Schulzeit lotst, der auf ihn Acht gibt, dass er nicht unter die Räder kommt, dass er nicht verloren geht in der normalen Welt der Normgerechten. Zeichnung und Text, denn Kai konnte bereits schreiben und bald darauf auch lesen, sind ein beindruckender Teil dieser kurzen Biografie. Die Autorin Helga Thieroff beschreibt in ihrem Buch das intensive Leben ihres Sohnes Kai, der anders war, der immer wieder versuchte so zu sein wie alle anderen, der immer wieder versuchte die Kontrolle über sein Leben und seine Gefühle zu gewinnen. Die Geschichte eines Jungen, der mit all seinen besonderen Gaben versuchte die Menschen in allen Facetten ihres Verhaltens zu verstehen, mit ihren zutiefst humanen und auch inhumanen Ausprägungen und mit all ihren Gedanken, Gefühlen und Handlungen - diese Geschichte erreicht das Herz. Die kurze Biografie von Kai, der danach strebte Muster zu finden, den Sinn und die Welt zu verstehen und der sich das Leben nahm – diese Geschichte berührt uns. Im Alter von 21 Jahren hat Kai die Kontrolle im Chaos der Welt wiedergefunden und gleichzeitig hat er den Versuch aufgegeben, die Kontrolle zu gewinnen und die Welt zu verstehen.


„Begabung ist nicht eine Frage des Schulabschlusses, sondern eine andere Art der Qualität des Erlebens“, so beschrieben in Dabrowski`s Theory of Positive Disintegration, eine bis heute verwendete Grundlagentheorie der emotionalen und moralischen Persönlichkeitsentwicklung aus den 1970er Jahren. Auch in der erzählenden sowie theoretischen Betrachtung von Helga Thieroff spielt diese Theorie eine bedeutende Rolle.


Dieses Buch ist voller Inspirationen:

Ich erinnere mich, einmal malte ein Kind ein Bild von seiner Familie und seinen Verwandten und er kommentierte es mit den Worten: „Und das, das ist mein Onkel, den ich nie gekannt habe. Er ist mit 17 Jahren an Traurigkeit gestorben.“ Und es ist, als höre ich irgendwo in der Ferne ein Lied geschrieben und gesungen von Don McLean. „…this world was never made for one as beautiful as you.“ Aber für wen ist die Welt gedacht und gemacht?

Die Welt ist gemacht für Menschen, die normal sind und normal als (austauschbares) Mitglied in ihren Gruppen funktionieren, so besagt es eine der bekanntesten und einflussreichsten Theorien der Sozialpsychologie, eine Theorie von Tajfel und Turner aus den Jahren 1979 und 1986. Es ist eine Theorie, die ursprünglich zur Erklärung von Gruppenprozessen konzipiert wurde, aber auch für das Verhältnis zwischen Individuum und Gruppe ihre Gültigkeit gezeigt hat.


Soziale Diskriminierungist in der Psychologie definiert als „die Ablehnung oder Benachteiligung von Personen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit“. Menschen-Kinder erfahren Ausgrenzung aufgrund ihrer Abweichung von der Gruppennorm.

Teil einer Gruppe zu sein ist aus Sicht der Gruppenmitglieder sowie aus Sicht des Individuums ein zentrales Definitionskriterium (soziale Identität). Die eben genannteTheorie von Tajfel und Turner, die Theorie der sozialen Identität erklärt:

Wir können eine Gruppe in diesem Sinne als eine Ansammlung von Individuen konzeptualisieren, die sich selbst als Mitglieder derselben sozialen Kategorie wahrnehmen, eine gewisse emotionale Beteiligung an dieser gemeinsamen Definition ihrer selbst teilen und einen gewissen Grad an sozialem Konsens über die Bewertung ihrer Gruppe und ihrer Mitgliedschaft darin (Tajfel, 1979).


Vergleicht man diese doch sehr theoretische Formulierung mit den Assoziationen zu Beginn dieses Textes, dann wirkt sogar in dieser Definition der Schmerz des Anders-seins. Für Kinder ist die Schulklasse die Welt. Die emotionale Beteiligung an der gemeinsamen Definition der relevanten Gruppe, zu der man nicht gehört, wird deutlich. Es ist oft die wichtigste Gruppe der Welt. Es ist die Majorität. Die anderen, das sind „die Guten“, es ist die Gruppe, zu der man so gerne dazugehören möchte, aber zu der man nicht gehört - als Mitglied der Minorität, allein aufgrund des Anders-seins.


Kai wünscht sich vergebens zu seinem achten Geburtstag einen Zwillingsbruder, der genau so ist wie er. Wenn auch nur ein weiterer Vertreter der Minorität anwesend wäre, nur ein einziger, dann wäre alles gut. Aber niemand ist da.


Der soziale Identitätsansatz, der auf der Theorie der sozialen Identität und auf deren Fortschreibung in Form der Selbstkategorisierungstheorie beruht, unterscheidet zwischen personaler und sozialer Identität, mit anderen Worten zwischen individueller und kollektiver Identität. Individuen definieren sich gemäß dieser Theorie der sozialen Identität von Tajfel und Turner (1979, 1986) nicht nur über ihr Selbstkonzept als Teil ihrer personalen Identität

(d. h. die Identität als Individuum), sondern auch über ihre soziale Identität. Denn aus all seinen Gruppenzugehörigkeiten setzt sich die soziale Identität eines Menschen zusammen. Da die soziale Identität ein wichtiger Teil des Selbst ist, wirken sich Bewertungen (z. B. Vorurteile) und Verhaltensweisen von Gruppenmitgliedern (z. B. Ausschluss, aktive Ablehnung, Abwertung, Kränkung, aber auch passive Ablehnung durch nicht Beachten und Ignorieren) auch auf das eigene Selbstbewusstsein und Wohlbefinden aus. Somit ist die eigene Zuschreibung und Identifikation mit der Gruppe (die sind alle gleich, nur ich bin nicht so, ich bin anders), aber genauso auch die Fremdzuschreibung von Gruppenzugehörigkeiten (Kai ist anders, er ist nicht so wie wir) von großer Bedeutung für das eigene Wohlbefinden und für die Gesundheit. So beschreibt es auch die Forschergruppe um Haslam und Jetten, in 2017.Denn ein Teil unseres Selbstkonzepts wird bestimmt durch die bewusste Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe von Personen, die als wesentlich, als bedeutsam und relevant erlebt wird. Wie prägend sind die ersten Erfahrungen, der ersten, der zweiten Grundschulklasse? Wie prägend waren die Zuschreibungen der anderen Kinder – für Kai?

Menschen streben nach einem positiven Selbstbild, nach positiver personaler Identität und positiver sozialer Identität. Sie erreichen dieses Ziel, indem sie Vorurteile demonstrieren, die positive Unterscheidungen (positive Distinktheit) zwischen ihrer Mehrheiten-Gruppe (In-Group) und den Mitgliedern der Minderheiten-Gruppe schaffen (Out-Group), und indem sie ihren In-Group-Status über den Status der Gruppe der Anderen erheben, so Tajfel und Turner im Jahre 1979.


Kai war trotz seiner in späteren Phasen oft positiven, wertschätzenden Erfahrungen in der entscheidenden Entwicklungsphase der frühen Grundschulzeit ein Ausgeschlossener. Aufgrund seiner wunderbaren Begabung konnte er dieses Gefühl - wissenschaftlich formuliert und beschrieben in einer der großen Theorien der Sozialpsychologie - im Alter von 9 Jahren in einer so einfachen, wie genialen Geschichte beschreiben.


Das Stinktier

Es war einmal ein Stinktier, das nicht stank, sondern nach Boss roch. Eines Tages wollte es stinken wie alle anderen Artgenossen. Da kam ihm die Idee, sich in Kuhfladen zu wälzen, was es dann auch in die Tat umgesetzt hat. Doch es half nichts. Da war es so sauer, dass es sich umbrachte. Nun verweste es und stank. Sein Wunschtraum ging in Erfüllung, und es konnte in Frieden ruhen.


Diskriminierung zeigt sich in unserem Denken, Fühlen und Handeln. Menschen, die anders sind, erfahren Diskriminierung aufgrund der Zuschreibung der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe - zur Gruppe der nicht Normalen. Eine Bedrohung des Selbst steigt auf, denn diese resultiert schon allein aus der Vorstellung als nicht normal, als „anders“ eingestuft zu werden.


Wie schützen sich Menschen gegen die negativen Folgen von Diskriminierung? Gibt es einen Schutz gegen Diskriminierung? Diskriminierung ist besonders in relevanten Gruppen, beispielsweise in Arbeitsgruppen, weit verbreitet und wirkt sich negativ aus auf Selbstwertgefühl, Kognition, Verhalten, physiologische Funktion, Gesundheit, Lebensbereitschaft - und sogar auf die Sterblichkeit. Dieses Forschungsergebnis der Forschergruppe um Haslam und Jetten von 2009 gilt damit erschreckenderweise nicht nur für Erwachsene, es gilt auch für Kinder.


Der begabte Kai wählte die Strategie der sozialen Kreativität und schuf sich neue Vergleichsdimensionen, auf denen er gut abschneiden konnte. Kai engagierte sich im sozialen Kontext. Durch seine extreme Sensibilität, seine hohe Empathie-Fähigkeit und seinen feinen Gerechtigkeitssinn konnte er schließlich Anerkennung, Wertschätzung und Freunde gewinnen. Aber das früh erlebte Trauma, der immer wiederkehrende Schmerz der Ablehnung und Ausgrenzung war zu groß und beinahe übermächtig. Er entschied sich gegen den eigenen Schmerz, gegen den Schmerz der Welt, gegen den Schmerz der Liebe und gegen das Leben.


Die Autorin, Helga Thieroff, hat mit ihrem sehr persönlichen Buch „Vom Schmerz der Hochbegabung - Mein Sohn, der anders war“ auch ein wertvolles Buch über Diversität, Kreativität und Neuro-Diversität geschrieben. Für Myndun e.V.

B. Sc. Psych. Beate Elisabeth Ditsche-Klein Beraterin und Lerntherapeutin für besondere Begabungen insbesondere für Kinder mit ADHS

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