Hochsensibel und hochbegabt - zwei Seiten einer Medaille?


Vorab ein Anmerkung für die Kritiker, Skeptiker und Ungläubigen: Natürlich hat nicht jeder Hochsensible einen IQ von mindestens 130, wie „Hochbegabung“ ja definiert ist! Vergleicht man allerdings die Persönlichkeitsbeschreibungen beider Gruppen, sind – bis auf individuelle Ausprägungen – keine Unterschiede festzustellen. Ich persönlich weigere mich, Menschen nach Quantität (was der IQ ja nur ist) „einzuteilen“, ganz einfach, weil es ihnen nicht im Ansatz gerecht wird. Die Ergebnisse von IQ-Tests sind nicht das Maß aller Dinge, insbesondere, weil die Testungen sehr störanfällig sind und damit das Potenzial vieler Probanden gar nicht wirklichkeitsgetreu wieder gegeben werden kann (was NICHT heißt, dass ich von IQ-Tests nichts halte, ganz im Gegenteil! Aber es ist von vielen Faktoren abhängig, ob sie das vorhandene Potenzial abbilden oder eben nicht. Insbesondere bei den kostengünstigen Mensa-Tests werden etwa die Hälfte der bisher unerkannten Hochbe-gabten nicht identifiziert, was oft zu viel Leid führt). Persönlichkeitseigenschaften ausschließlich durch eine quantitative Größe wie den IQ als „berechtigt“ oder „nicht berechtigt“ einzustufen, halte ich nicht für zielführend. Ich verstehe „Hochbegabung“ hier also ausschließlich als ein Konglomerat von Persönlichkeitseigenschaften, die zwar mit Intelligenz zusammenhängen, aber nicht an einem willkürlichen Schwellenwert festgemacht werden können.

So, jetzt aber …

Ein Vergleich von Merkmallisten ist bei Erwachsenen nicht so einfach, wie bei Kindern, weil es für Erwachsene keine Merkmallisten gibt, die aus Studien hervorgegangen sind. Bisher hat die Wissenschaft hier ihren Fokus immer noch weit überwiegend auf Kinder. Zwar gibt es mittlerweile einige Bücher über hochbegabte Erwachsene, die auch wirklich gut sind, aber keines basiert auf wissenschaftlichen Forschungsergebnissen (von einzelnen Kapiteln einmal abgesehen). Die Inhalte basieren auf Beobachtungen, die zwar umfangreich sind und sicher auch wahr, aber eben nicht das, was man in der Wissenschaft „evidenzbasiert“ nennt. Bei qualitativen Merkmalen ist das jedoch auch in der Wissenschaft äußerst schwierig bis unmöglich. Deshalb wird viel Wert auf die „Qualität“ des Autors gelegt, auch von mir. Aber die von unterschiedlichen Autoren beschriebenen Merkmale sind immer noch umstritten. Es gibt Fachleute, die behaupten, zwischen Hochbegabten und Normalbegabten gäbe es keinerlei Unterschiede außer ihrem IQ und dabei werden wahrscheinlich die meisten Hochbegabten aufjaulen wie ein Hund, dem man auf die Pfote getreten hat. Und es gibt andere, die genau das Gegenteil behaupten und diese Unterschiede sehr differenziert beschreiben. Ich bin überzeugt von einer grundlegenden Andersartigkeit hochsensibler UND hochbegabter Menschen. Schließlich bin ich selbst einer und erlebe das jeden Tag an mir und seit nunmehr acht Jahren bestätigen meine Klienten und über 5.000 Mitglieder meiner Facebook-Gruppe das ebenfalls.


Zwar gibt es eine umfangreiche Studie zu hochbegabten Erwachsenen, aber die Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht und ich weiß auch nicht, ob daraus eine Merkmalliste generiert werden kann oder wird. Lassen wir uns überraschen… Eine weitere Studie beschäftigt sich mit Hochbegabten im Arbeitsleben.

Weil es mir aber darum geht, dass möglichst viele Menschen sich erkennen, sind qualitative Vergleiche die einzige Möglichkeit, Ähnlichkeiten oder gar Gleichheiten festzustellen.

Ich habe in meinen Büchern Merkmallisten mit entsprechenden Erklärungen veröffentlicht. Die einzelnen Merkmale habe ich aus Büchern über erwachsene Hochbegabte bzw. Hochsensible, Texten/Listen anderer Websites zusammengestellt, und mit meiner Erfahrung mit zahlreichen hochbegabten Erwachsenen abgeglichen. Und teilweise sind das auch Merkmale, die schon bei Kindern festzustellen sind, denn Hochbegabung wächst sich ja nicht aus. Natürlich sind auch meine Listen nicht evidenzbasiert. Dennoch benutze ich die für hochbegabte Erwachsene hier zum Vergleich, eben aus Ermangelung wissenschaftlich fundierter Forschungsergebnisse bei hochbegabten Erwachsenen.


Aber auch in anderen Punkten gestaltet sich ein Vergleich hier schwierig, besonders aufgrund unterschiedlicher Semantik. Ich möchte das dennoch einmal angehen und werde an den entsprechenden Stellen darauf hinweisen.


Zunächst möchte ich den Fragebogen von Elaine Aron („HSP-Scale“) auf seine Tauglichkeit für einen Vergleich mit den Merkmalen hochbegabter Erwachsener prüfen. Dazu ist es notwendig, die



Definition von Hochsensibilität

zu kennen, die Aron in ihrem Buch „Hochsensible Menschen in der Psychotherapie“ (S. 46) wie folgt angibt:

„Wenn man Hochsensibilität feststellen will, hält man Ausschau nach vier Kategorien:

1. gründliche Informationsverarbeitung 2. Übererregbarkeit 3. emotionale Intensität 4. sensorische Empfindlichkeit“

Diese vier Kategorien müssen alle vorhanden sein, wobei die erste, also die gründliche Informationsverarbeitung das Schlüsselmerkmal ist. Schlüsselmerkmale sind in der Biologie „Bezeichnungen für Verhaltensweisen, Fähigkeiten oder strukturelle Merkmale, die es einer Organismenart ermöglichen, eine ökologische Zone zu erschließen. S. der Vögel, die den Luftraum erobert haben, sind z.B. die Flugfähigkeit, Flügel und Federn …“. Ohne dieses Schlüsselmerkmal ist also eine Zuordnung zu einer Gruppe unmöglich.



Mit dieser Kenntnis ausgestattet,

können wir uns die HSP-Scale genauer ansehen:

1. Mir scheint, dass ich Feinheiten um mich herum wahrnehme

2. Die Launen anderer machen mir etwas aus

3. Ich neige zu Schmerzempfindlichkeit

4. Koffein wirkt sich besonders stark auf mich aus

5. Ich habe ein reiches, komplexes Innenleben

6. Laute Geräusch rufen ein Gefühl von Unwohlsein in mir hervor

7. Kunst und Musik können mich tief bewegen

8. Ich bin gewissenhaft

9. Ich erschrecke leicht

10. Veränderungen in meinem Leben lassen mich aufschrecken und beunruhigen mich

11. Wenn viel um mich herum los ist, reagiere ich schnell gereizt

12. Ich bin sehr darum bemüht, Fehler zu vermeiden bzw. nichts zu vergessen

13. Es nervt mich sehr, wenn man von mir verlangt, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen

14. Ich werde fahrig, wenn ich in kurzer Zeit viel zu erledigen habe

15. Ich achte darauf, mir keine Filme und TV-Serien mit Gewaltszenen anzuschauen

16. An stressigen Tagen muss ich mich zurückziehen können – ins Bett oder in einen abgedunkelten Raum bzw. an irgendeinen Ort, an dem ich meine Ruhe habe und keinen Reizen ausgesetzt bin

17. Helles Licht, unangenehme Gerüche, laute Geräusche oder kratzige Stoffe beeinträchtigen mein Wohlbefinden

18. Wenn Menschen sich in ihrer Umgebung unwohl fühlen, meine ich zu wissen, was getan werden müsste, damit sie sich wohl fühlen (wie zum Beispiel das Licht oder die Sitzposition verändern)

19. Ein starkes Hungergefühl verursacht heftige Reaktionen, es beeinträchtigt meine Laune und meine Konzentration

20. Ich bemerke und genieße feine und angenehme Gerüche, Geschmacksrichtungen, Musik und Kunstgegenstände

21. Als ich ein Kind war schienen meine Eltern und Lehrer mich für sensibel und schüchtern zu halten

22. Es zählt zu meinen absoluten Prioritäten, mein tägliches Leben so einzurichten, dass ich aufregenden Situationen oder solchen, die mich überfordern, aus dem Weg gehe

23. Wenn ich mich mit jemandem messen muss oder man mich bei der Ausübung einer Arbeit beobachtet, werde ich so nervös und fahrig, dass ich viel schlechter abschneide als unter normalen Umständen

(Entnommen aus Aron „Sind Sie hochsensibel?“, Seiten 21-24)


Bevor wir hier etwas vergleichen können,

müssen wir uns deutlich machen, was mit den einzelnen Punkten überhaupt abgefragt wird, denn auch hier müssen wir die Semantik berücksichtigen:

1. Detailwahrnehmung

2. Übererregbarkeit (aufgrund emotionaler Gegebenheiten), ggf. emotionale Intensität

3. Sensorische Empfindsamkeit (Reize aus dem Körperinneren)

4. Übererregbarkeit (aufgrund direkter äußerer Einwirkung)

5. Gründliche Informationsverarbeitung, ggf. emotionale Intensität

6. Sensorische Empfindsamkeit (Geräusche)