Hochkreativität - die wilde und ungezähmte Seite der Hochbegabung

Aktualisiert: März 12


Verrückte Ideen, (noch) nicht beweisbare Theorien, nicht nachvollziehbare Lösungswege ... Ist es wirklich Underachievement oder steckt vielleicht etwas ganz anderes hinter jenen hochbegabten Menschen, die ihre "PS" nicht in jenen "Erfolg" umwandeln (können), der für die Gesellschaft sichtbar ist?


Ob Handwerk, Kunst oder Wissenschaft - ob Ordner voller Fortbildungen, Ausbildungen, Studienabschlüssen oder gar kein Abschluss - ob Arbeitslos oder Multi-Entrepreneur, es gibt eine Vielzahl von hochbegabten Menschen, die in ihrem Leben scheinbar nicht ankommen. Auch wenn sie getestet wurden und über einen IQ von 130+ Punkten verfügen, können sie ihre PS nicht "auf die Straße bringen". So sehr sie sich bemühen, und das Wissen über die eigenen Fähigkeiten könnte zu einem gesteigertem Selbstwert beitragen, der sie befähigt, schaffen sie es nicht in die gesellschaftlich anerkannte Erfolgsumwandlung zu gelangen.


Gedankenchaos

Eine Vielzahl hochbegabter Menschen verfügt über ein enormes kreatives Potential. Ihre Denkwege und Assoziationsräume gleichen nicht der Normalität. Gehörtes wird zeitgleich gesehen, Gesehenes wird zeitgleich gefühlt, Gefühltes wird zeitgleich gehört oder anders herum. Verstellungsvermögen, Vorhörungsvermögen, Vorfühlungsvermögen, Vorgeruchsvermögen und vieles mehr - diese Menschen verknüpfen Informationen und Wissen auf ungewöhnlichste Weise und durch ihr breites Interessenfeld verfügen sie zusätzlich über ein enorm großes Wissenspektrum. Sie springen in Gesprächen von einem Thema zum nächsten, sie wechseln ihre Denk- und Argumentationsrichtungen, sie ändern ihre Perspektive ohne Vorankündigung. Somit scheint ihre Gedankenwelt für den Außenstehenden wild, ungezähmt und chaotisch. Doch das ist es mitnichten! Ihre Gedanken folgen einfach anderen Mustern, Strukturen und Wegen. Ihre Fähigkeit ist das Unmögliche zu denken. Und hier liegt das Problem - ihre Fähigkeiten liegen außerhalb der Möglichkeitsfelder der Gesellschaft.



Hochkreativität und Gesellschaft


Unsere Gesellschaft honoriert lineare Leistungen. Sie erkennt sichtbare Entwicklungen an. Sie definiert die Erwartungen und beurteilt die Ergebnisse samt dahinter liegender, nachweisbarer Prozesse. Anderes, Neues, Unerwartetes fällt durchs Raster - dafür ist kein Platz, dafür ist keine Zeit, dafür gibt es keinen Spielraum UND dafür gibt es keine Erwartungen, die erfüllt werden könnten. Ganz besonders gilt das für Kinder und Jugendliche. Während Erwachsene ihren Beruf und Lebensweg selbst wählen können, sind Kinder und Jugendliche in ein Schulsystem eingebunden, dass Erfolg in Form von Leistungsnachweisen und Lernstandserhebungen misst und bewertet. Diese "Erfolgsnachweise" beurteilen eine Leistung anhand eines vorgegebenen Kriterienkatalogs, der als Maßstab für die Notenvergabe angelegt wird. Auch wenn viele Lehrkräfte inzwischen ungewöhnliche Antworten wohlwollend zur Kenntnis nehmen und diverse AGs und außerschulische Angebote die kreativen Fähigkeiten der Kinder fördern, spätestens in der Oberstufe und beim Abitur, werden die Leistungen der Jugendlichen anhand jenes vorgegebenen Kriterienkataloges bewertet - Genialität hat dort keinen Platz.



Perspektivwechsel

Denken wir an die Quantenphysik ... ein genialer Gedanke stellt eventuell alles Bekannte und Anerkannte in Frage - und ganz ehrlich, wer möchte das schon? Außerdem, wer könnte einen solchen genialen Gedanken wertschätzend und entsprechend beurteilen? Die Eltern, der Lehrer, der Partner, die Freundin, die Chefin oder der Unternehmer? Das Problem der Kreativität ist und bleibt die Anerkennung und die Beurteilung.


Und so gibt es einige hochbegabte Menschen, deren Gedanken und Ideen sind fern ab dessen, was für den Beurteiler (und sei es nur der Gesprächspartner auf einer Feier) denkbar ist. Ihre eingebrachten Argumente können und wollen nicht nachvollzogen werden. Sie sind für den Gesprächspartner zu schnell, zu schwierig, zu anstrengend und zu weitab. Das führt leider zu Irritation auf beiden Seiten. Da das hochkreative Potential jedoch sehr ungewöhnlich ist, wird jener Mensch immer wieder mit Schwierigkeiten in Gesprächen oder in der Leistungserbringung haben. Da sie jedoch auch wahre Meister der Wahrnehmung sind, registrieren sie jede feinste Irritation ihres Gegenübers, doch sie wissen nicht, was der Auslöser ist, denn für sie sind ihre Gedanken und Gesprächsstrukturen weder wild, noch chaotisch, noch außergewöhnlich sondern ganz "normal". Für Myndun e.V. Dr. Birgit Wegerich-Bauer