Die künstlerische Seite der Hochbegabung


"Ich war immer der Meinung, dass die Beziehung zwischen Kunst und Wissenschaft eine ausgezeichnete Ehe ist." Albert Einstein Werfen wir ein Blick auf die Fach- und Sachliteratur, auf Webpages von Psychologen, Diagnostikern und Coaches sowie auf entsprechende Ausführungen von Begabungsförder- und allgemeiner Informationsstellen, so ist auffallend, dass den kreativ-künstlerischen Aspekten in Punkto Hochbegabung wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Und doch scheint aus meinem Zusammensein und meiner Arbeit mit hochbegabten Menschen der Kunst und dem künstlerischen Prozess (auch im wissenschaftlichen Denken) eine besondere und facettenreiche Bedeutung zuzukommen.


Befragt man Menschen auf der Straße, dann wird Hochbegabung fast ausschließlich mit den Naturwissenschaften Physik und Astrophysik, der Mathematik und IT in Verbindung gebracht. Die Ingenieurwissenschaften und die Naturwissenschaften Chemie und Biologie werden schon nicht mehr so häufig genannt und die Geisteswissenschaften sowie die Philosophie, Theologie und Kunst werden in Punkto Hochbegabung überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Hochbegabte sind im Bewusstsein der Allgemeinheit mit den MINT-Fächern eine Symbiose eingegangen. NaWi-AGs, Forscher- und Entdecker-Workshops, Mathematikolympiaden, Jugend forscht, etc. - das sind "Musts" in der Hochbegabtenförderung. Doch wie steht es mit der Sprache, der Kunst, der Musik, der Literatur oder sogar der Poesie. Viele der getesteten, also klassisch hochbegabten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen haben ausgeprägte künstlerische Fähigkeiten. Ihr spielerisch-künstlerischer Umgang mit Sprache ist beeindruckend und ihre Fähigkeit Musikinstrumente (autodidaktisch) zu erlernen erstaunlich. Viele Hochbegabte beherrschen mehrere Instrumente und sind dabei nicht auf eine Instrumentengattung festgelegt. Die Fähigkeit sich in Schrift, Form und Farbe auszudrücken, ist für viele hochbegabte Menschen ebenso selbstverständlich wie komplexe physikalische Modelle zu durchdenken. Doch leider werden aus meiner Sicht diesen "softeren" Begabungsaspekten in der Hochbegabtendiagnostik und -förderung nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Musikalische, künstlerische oder literarische Begabungen werden gerne und schnell erkannt, doch selten in Zusammenhang mit der "klassischen" Hochbegabung gebracht. Dabei gehen wissenschaftliches Denken und künstlerisches Schaffen bzw. künstlerisches Denken und wissenschaftliches Schaffen gerne und oft Hand in Hand.

Wie erfindet man ein Rad, wie konstruiert man eine Pyramide, wie komponiert man eine Fuge, wie erkennt man den Zusammenhang von Zeit und Raum? Hildegard von Bingen, Da Vinci, Bach, Newton, Goethe, Picasso, Heisenberg, Kandinsky, Gropius, Abramovic .... sie alle waren oder sind künstlerisch-forschend-wissende Visionär:innen, die sich nicht auf ein Wissensgebiet reduzieren lassen und ihre Schaffenskraft auf ein Medium beschränk(t)en. Doch was wäre das klassische erkennende Forschen und die Aneignung von Wissen wenn nicht die feinsinnige Wahrnehmungsgabe hinzukäme. Das Gefühl für Passung und Nichtpassung sowie Zusammenspiel, Anordnung und Arrangement, das Erkennen von Nuancen in Abweichungen, das ästhetische Empfinden für den Klang von Wörtern, Tönen, Formen und Stimmungen - diese Fähigkeit ist die Grundlage eines künstlerischen Denken- und Schaffenprozesses und ein elementarer Teilbereich der Hochbegabung. Die Ästhetik einer mathematischen Formel kann für hochbegabte Menschen genauso bezwingend schön und beglückend sein wie die harmonische Auflösung innerhalb symphonischer Musik oder dem abgestimmten Farbspiel eines Gemäldes.


Wissen gepaart mit Vorstellungskraft und feinsinniger Wahrnehmung ist eine mächtige Kombination und die Grundlage für hochkreatives Denken und Schaffen von hochbegabten Menschen.

Gedanken zur Erkennung, Förderung und Persönlichkeitsentwicklung 1. Gedanke: Stellen wir Hochbegabung in einen größeren Kontext und schließen die künstlerischen-kreativen Aspekte sowie die disziplinübergreifende Universalität in die Überlegungen und Ausführungen mit ein. 2. Gedanke: Nehmen wir in der Erkennung und Diagnostik auch die musisch-künstlerischen Fähigkeiten in den Fokus und erschließen die Hochbegabung über den kreativ-künstlerischen Ansatz. Für Erzieher:innen und Lehrkräfte wäre dies eventuell ein erster hilfreicher Anhaltspunkt bei der Erkennung hochbegabter Kinder und Jugendlichen.

3. Gedanke: Logisch-analytisches Denken ist nichtgleich Mathematik, Physik und Technik. Logisch analytisches Denken ist auch Symphonien zu komponieren, Häuser und Städte zu entwerfen oder Skulpturen in Stein zu meißeln denn es bedeutet ausschließlich dahinterliegende Strukturen zu erkennen und weiterzudenken.

4. Gedanke: Wenn in der Diskussion Hochbegabung auf den klassischen, kanonisierten Testungsbereich reduzieren wird, beschränken wir hochbegabte Menschen in ihrer Sicht auf sich selbst und vernachlässigen wichtige Teilaspekte in der Hochbegabtenförderung und Persönlichkeitsentwicklung.

5. Gedanke: Ausdrucksfähigkeit ist eines der elementarsten Bedürfnisse von Menschen. Viele Hochbegabte haben hier ein besonderes Talent. Ob Musik, Grafik, Literatur oder darstellendem Spiel oder Tanz - im künstlerischen Tun gehen viele Hochbegabte einer ihnen innewohnenden Sehnsucht nach. Sie geben ihren hochkreativen Gedanken und Ideen Gestalt und Form - die Kunst ist das Zuhause ihrer Überlegungen. 6. Gedanke: Bringen wir Wissenschaft/Theorie und Kunst zusammen und gehen als Wissenschaftler künstlerisch an Themen heran. Lernen wir von der Kunst! Spielen wir mit Theorien, malen und zeichnen wir mit theoretischen Formeln, bringen Farbe und Datenverarbeitung zusammen, erzählen wir in der Forschung mit beschreibenden Metaphern und experimentieren wir mit unseren theoretischen Gedanken wie mit Farben auf einer Malerpalette. 7. Gedanke: ... Für Myndun e.V. Dr. Birgit Wegerich-Bauer



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