ADHS - ein Leben lang...

Aktualisiert: 24. Mai 2019


Eine Nachbesprechung zur Wissenschaftsdokumentation vom 16. Mai 2019.



Die Wissenschaftsdokumentation "ADHS ein Leben lang" spiegelte den aktuellen Stand der Forschung wider. Früher herrschte die Überzeugung, ADHS betrifft nur Kinder und Jugendliche. Heute weiß man, nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene können das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom haben. Es wird allerdings häufig nicht erkannt. Andere Erkrankungen überlagern die ADHS-Problematik. Seltsamerweise leben die Protagonisten des Films allesamt nicht bei uns, sie leben in fernen Ländern.


Begegnungen

Wir begegnen der Studentin Lynn, die als Kind wahrscheinlich in einem hoch-strukturiertem Elternhaus aufwuchs und es irgendwie und unter enormen Anstrengungen geschafft hat, trotz ihrer Selektionsproblematik den Anforderungen der Eltern und Lehrer gerecht zu werden. Wir erkennen plötzlich, dass sie nicht an den Inhalten ihres Studium verzweifelt, sondern an der Form, an der Flut der zu verarbeitenden Reize, an der Flut der Anforderungen, an der Flut der externen und internen Information, die plötzlich ihre Konturen verlieren, die keine Prioritäten mehr erkennen lassen, weder für die Form noch für den Inhalt noch für die Zeit. Die Angst vor der Flut der Anforderungen ist zu spüren. Erst das Wissen um ihre besondere Wahrnehmung, das Wissen um ihre Selektionsproblematik und die ADHS-Behandlung, rettete sie.


Michael MacNamara, der kanadische Autor der Dokumentation, zeigt mit großer Sensibilität die positive Entwicklung der jungen Frau. Sie lernte die Flut der inneren und äußeren Informationen zu beherrschen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, einen Rhythmus zu finden und innere Harmonie - über eine angemessene medizinische Behandlung, über neues Wissen und Erkennen, über das Training neuer Verhaltensstrategien und über Sport. Die Studentin entdeckte Rudern als ideale, ergänzende Übung zur Verbesserung ihrer Konzentration. Sie kämpft noch immer gegen die Flut der Wahrnehmungen, aber sie hält die Ruder in ihren Händen, sie wird nicht mehr so schnell überflutet, sie hält selbst den Kurs.

Die mit viel Einfühlungsvermögen vom Autor der Dokumentation gewählten, fast schon poetischen Bilder zeigen individuelle Strategien der Bewältigung einer vielfältigen, vielschichtigen, genetisch bedingten Wahrnehmungsbesonderheit.


Eine erfolgreiche Investment-Bankerin, die auf den Vorzügen ihrer anderen Wahrnehmung ihren beruflichen Erfolg begründete, aber auch die vielen negativen ADHS-bedingten Entwicklungsrisiken werden in dieser außergewöhnlichen Wissenschaftsdokumentation gezeigt.


Mut

Wie kann man Ärztin sein mit ADHS? Wie ist das möglich? Diese Frage bekommt die von ADHS betroffene Kinderärztin immer wieder zu hören. Sie diagnostiziert fast immer auch einen betroffenen Elternteil, wenn sie bei einem Kind ADHS diagnostiziert. Sie sieht mehr, erkennt mehr, sie ist sich sicher in ihrer ADHS-Diagnose, die von vielen Ärzten als sehr schwierig bezeichnet wird. Sie ist Expertin, denn sie erlebt ADHS in ihrem täglichen Leben, bei sich selbst und bei ihren drei betroffenen Kindern.


Über ADHS zu sprechen erfordert noch immer Mut. Der Film stellt auch die entscheidende Frage: Verhindern die Vorurteile, dass wir die Antworten finden? Im Original heißt es an dieser Stelle sogar: "Does the stigma keep us from finding the answers?"



Lange dachte man, ADHS sei eine Aufmerksamkeits-Störung im Kindesalter - mit oder manchmal auch ohne hyperaktives Verhalten - die mit der Zeit beim Älterwerden, beim Erwachsenwerden einfach verschwindet. Diese Sichtweise gilt heute als überholt.

Einige mutige, selbst von ADHS betroffenen, amerikanischen Psychiater wiesen in den vergangenen Dekaden immer wieder darauf hin, dass die Symptome oft auch im Erwachsenenalter fortbestehen und ihre Wirkung im Leben der Betroffenen entfalten.


Neues Wissen und Verstehen

Viele betroffene Erwachsene quälen sich jahrelang, weil sie bei sich eine Angststörung oder Depression vermuten. Die dem zugrundeliegende ADHS-Problematik wird auch von den behandelnden Ärzten noch oft übersehen.


Aber immer mehr Fachleute diagnostizieren heute ADHS auch bei Erwachsenen. Erst heute ist das Wissen über die unzureichende dopaminerge Reizübertragung und Reizverarbeitung und über die dadurch bedingte, bis zu ca. drei Jahren verzögerte Reifung insbesondere im präfrontalen Cortex in der Welt. Wie ergeht es den verträumten, unaufmerksamen Kindern in der Grundschulzeit, in der Zeit der ersten prägenden Erfahrung der Selbstwirksamkeit? Wie geht es den Kindern, die sich doch gerne konzentrieren wollen, die ihre Aufgaben erfüllen wollen und so sein wollen wie all die anderen Kinder in ihrer Klasse? Wie sind die Folgen der ersten prägenden Erfahrung der sich in genau dieser Zeit entwickelnden Fähigkeit der Selbstreflexion?


Die Psychiaterin Alexandra Philipsen vom Universitätsklinikum in Bonn vergleicht den präfrontalen Cortex mit einem Symphonieorchester, der Dirigent sorgt für Harmonie und Einklang. Wenn der Präfrontalcortex seine Funktion nicht erfüllt, ist es so, als ob sich der Dirigent in die Ecke setzt und das Orchester sich selbst überlässt. Nichts ist mehr harmonisiert, alles läuft durcheinander. Die Neurotransmitter geraten durcheinander. Die Steuerung entfällt. Die Verhaltenskontrolle ist so nicht möglich.


Nicht nur die äußere Ablenkung (beispielsweise in der Schulklasse), auch die innere Ablenkung ist zu groß (die Welt der tausend ganz anderen Gedanken und Welt der tausend Ideen, die schon irgendwie ganz dicht am Thema sind, aber doch nicht umzusetzen sind, die Vorstellungen, wie es sein könnte und müsste und sollte, die Gedanken an wieder einmal nicht erfüllte Erwartungen, das Gefühl die Aufgabe wieder einmal nicht bewältigen zu können) – alles ist zu groß und zu viel. Dieses Gefühl ist gut beschrieben mit dem Wort „überwältigend“. Das Verhalten kann dann nicht willentlich gesteuert werden. Die exekutiven Funktionen können beeinträchtigt sein.


Kreative Entwicklungspotentiale - vom Nachteil zum Vorteil

Der Film zeigt die Entwicklung eines unaufmerksamen, unangepassten, verträumten und emotional hoch impulsiven Jungen, Samy Inayeh, der heute ein erfolgreicher Filmemacher ist. Seine Arbeit vereint alle Vorteile der Hyperfokussierung. Seine Arbeit bringt die für ihn optimale Mischung aus Stimulierung und Fokussierung, denn die Arbeit am Set erfordert jeden Tag schnelle, vielfältige, vielschichtige emotionale und kognitive Entscheidungen der Verarbeitung von Informationen, sie fordert hunderte kreativer und technischer Entscheidungen und hält den hochkreativen Filmemacher im Flow. Die Arbeit des Filmemachers ist neurointensiv.


Die Problematik der Reizverarbeitung hat manchmal das Potential für die Entwicklung eines hochkreativen Geistes. Begeisterungsfähigkeit, Intelligenz und Resilienz und insbesondere die förderliche Akzeptanz scheinen wichtige Voraussetzungen in diesem Prozess zu sein*.

Neurointensive Reizverarbeitung ist anstrengend. Manchmal fordert der Körper Erholungsphasen. Samy Inayeh berichtet im Film, dass es ihm nicht gut ging, er habe zum ersten Mal eine Therapeutin aufgesucht. Sie vermutete ADHS. Er wollte das zuerst gar nicht glauben, er habe selbst recherchiert und gesehen, dass alle Symptome vorhanden waren. Er ließ sich testen. Und plötzlich konnte er sich selbst und die Welt und die Resonanz der Welt auf seine besondere Wahrnehmung (beispielsweise sein Gefühl für Zeit) und auf all seine Probleme (beispielsweise wurde sein Nicht-Anfangen-Können mit der Zeit und mit seinen selbst gewählten Aufgaben zum Nicht-Aufhören-Können) besser verstehen.


Begeisterungsfähigkeit, die Suche nach Neuem, Entdeckerfreude, intrinsische Motivation und Hyperfokussierung scheinen zu den bisher noch wenig beachteten positiven Besonderheiten von ADHS zu gehören.


Das Stigma ADHS beherrscht noch immer das Denken. Die Protagonisten des Films kommen aus der Ferne, aber irgendwie ahnen wir alle, dass sie auch hier sind, dass sie ganz in der Nähe sind.


Diese gelungene Dokumentation, eine internationale Produktion, ist zu empfehlen, denn dieser Film bringt neues Denken in die Welt. „Den Schatz der Phantasie“ gilt es nun zu finden, die hochkreativen Potentiale gilt es nun zu entdecken, zu fördern und zu entfalten*.

Myndun.


Für Myndun Beate Datsche-Klein Beraterin und Lerntherapeutin für besondere Begabungen insbesondere für Kinder mit ADHS


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